Ein besonderer Leseabend mit aktuellen Bezügen und Erinnerung an die Bücherverbrennungen 1933.

„Lesen gegen das Vergessen“ ist ein wichtiger Bestandteil der städtischen Erinnerungskultur. 2019 von der Journalistin Almuth Wessel ins Leben gerufen, sollte diese Reihe an die Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten im Mai 1933 erinnern. Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine war jedoch der Blickpunkt auch auf die aktuelle Situation gerichtet. Ein Zeichen zu setzen gegen Hass, Ausgrenzung, Verfolgung und Drangsalierung, aber auch an Flucht oder Angst zu erinnern, war das Ziel des diesjährigen, von Sigmund Bothmann an der Orgel untermalten Leseabends in der Martin-Luther-Kirche.

Im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung am Freitagabend standen deshalb Berichte von Zeitzeugen mit ähnlichen Schicksalen, wie sie heute die Menschen im Osten Europas erleiden müssen. Duglore Döbler, selbst ein Flüchtlingskind, das seine Heimat im heutigen Tschechien am Ende des Zweiten Weltkriegs verlassen musste, begann mit eigenen Erlebnissen aus ihrer Kindheit. Dabei berichtet die Autorin über ihre erste kindliche Liebe zum jüdischen Nachbarjungen Abraham Schön, dessen Schicksal im Holocaust und über den Hass der Roma Friderieke auf ihren Verräter aus der SA und wie sie ihn überwinden konnte.

Die Tagebücher von Anne Frank, des späteren Abgeordneten der DDR-Volkskammer Victor Klemperer und der Schriftstellerin, Politikerin und Frauenrechtlerin Anna Haag das Herz der diesjährigen Lesung. Barbara Best, Volker Schiewer und Almuth Wessel betrachten in diesen Kriegsaufzeichnungen das Leben in einer ungewissen Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei werden Erfahrungen und Schicksale von gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen lebendig, die einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt sind. Steht in den Abschnitten aus dem Oktober 1942 noch die Frage des Überlebens im Vordergrund, so wächst zunächst die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende nach der Invasion der alliierten Truppen in der Normandie, weicht aber bald der Skepsis über ein nahes Kriegsende nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler im Juli 1944.

Zwei kleine Erzählungen von Fyodor Dostoyevsky, in denen er seine Weltanschauung der Güte und des Mitleides verdichtet hat, ergänzen das Leseprogramm. Ludger Funke vom „Forum Russische Kultur“ gelingt es dabei dank seiner ausdrucksstarken Betonung, die Zuhörer mit den Zitaten aus „Traum eines lächerlichen Menschen“ anzurühren. Bis zum Schlussakkord, den Almuth Wessel mit einem Text der Ukrainerin Rosa Marusenko setzt: „Hinter den Feldern fliegen die Kugeln über den Köpfen,“ zitiert sie aus deren Gedicht „Kriegslandschaft 2022“.


Gütersloher (Glaubens-)Gemeinschaften präsentieren das "Lesen gegen das Vergessen 2021"

In diesem Jahr (2021) findet erneut zum Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten am 10. Mai die Aktion „Lesen gegen das Vergessen“ statt. Bereits im dritten Jahr wird der Beitrag zur Erinnerungskultur vom Fachbereich Kultur der Stadt Gütersloh in Kooperation mit Initiatorin Almuth Wessel sowie der Gütersloher Volkshochschule und der Stadtbibliothek organisiert. Da es Corona-bedingt keine Live-Veranstaltung geben wird, wird die Lesung in der Martin-Luther-Kirche aufgezeichnet und ist ab dem 11. Mai online abrufbar.

 

Dieses Jahr steht die Lesung unter dem Motto „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Engagierte Bürgerinnen und Bürger treten vor das Mikrofon, um an verbrannte und verfemte Autoren und Autorinnen zu erinnern. Das Anliegen der Lesenden ist es, die Erinnerung an eine lange jüdische Kulturtradition zu beleben, die ungeheuer befruchtend auf das gesellschaftliche Leben in Deutschland gewirkt hat, aber immer verstellt wird durch die Erinnerung an die Reichspogromnacht und die Shoah. Zu Gehör kommen deshalb nicht nur Texte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern etwa auch Heinrich Heine, der in seinem Romanfragment „Der Rabbi von Bacharach“ einen Kontrapunkt setzt zu der von den Romantikern heraufbeschworenen Rheinidylle. Daneben findet sich der Auszug aus einer der ältesten Autobiografien: Die Händlerin Glickel von Hameln schrieb ihre Lebenserinnerungen im 17. Jahrhundert für ihre Enkelkinder ursprünglich auf Jiddisch. Das Buch wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Begründerin der jüdischen Frauenverbände, Bertha von Pappenheim, ins Hochdeutsche übersetzt. Lion Feuchtwanger wiederum beschreibt in seinem Roman „Jud Süß“ die Situation der Juden im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Gleichzeitig wird mit einem Text der jüdischen Bloggerin Juna Grossmann der Bogen jüdischer Kultur in Deutschland bis ins 21. Jahrhundert geschlagen.

 

Zu der Lesung hat sich eine große Bandbreite von auch jugendlichen Vertreterinnen und Vertretern der in Gütersloh ansässigen (religiösen) Gemeinschaften für die Vorträge zusammengefunden: die Evangelische Kirchengemeinde, der Pastorale Raum, das Islamische Zentrum, die Aramäische und Jesidische Gemeinde, sowie die jüdische Kultusgemeinde Bielefeld, welche auch für Gemeindemitglieder in Gütersloh zuständig ist. Die Aktion wird musikalisch begleitet und unterstützt von Kirchenmusikdirektor Sigmund Bothmann. 

 

 

Am 10. und 11. Mai werden zudem erstmalig mit Motiven des Festjahrs „1700 Jahre jüdisches Leben“ das Rathaus, die Stadthalle sowie Gebäude weiterer beteiligter Institutionen beflaggt. Dies ist eine Aktion der Initiative „Kölner 321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.“ mit Unterstützung des Deutschen Städtetags. Weitere Veranstaltungen im Rahmen des Festjahrs werden in den kommenden Monaten folgen und vom Fachbereich Kultur begleitet.


Podcast/ Filmbeitrag  Lesen gegen das Vergessen

 

Ab 9. Mai 2020 abrufbar

 

„Lesen gegen das Vergessen“ fand im letzten Jahr am Samstag, 11. Mai erstmalig in der Martin-Luther-Kirche zur Erinnerung an den Tag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 statt. In diesem Jahr hätte die Veranstaltung am 9. Mai 2020 in der Martin-Luther-Kirche stattgefunden. Aufgrund der derzeitigen Situation wurde entschieden,  dass die Veranstaltung als Podcast durchgeführt wird. So können ab dem 9.05.2020  die verschiedenen Beiträge auf der Internetseite der Stadt Gütersloh (www.guetersloh.de), bei Facebook und hier auf dem Kulturportal (www.kulturportal-guetersloh.de) abgerufen werden.

Nachdem im letzten Jahr Ratsvertreter ausgewählte Texte gelesen haben, werden es in diesem Jahr unterschiedliche Menschen der Stadtgesellschaft sein, die vornehmlich Texte aus dem Bereich Jugendliteratur lesen.

 

Hier geht es zum Podcast:

https://www.guetersloh.de/de/themen/lesen-gegen-das-vergessen.php